Demokratie und Agilität im trojanischen Management-Pferd

Da ist dieser gestandene Boss-Typ. Vorstandsmitglied. Autoritär, klar, nicht laut aber deutlich, präzise. Fast 2 Meter groß, maßgeschneiderter Anzug.
 
Seine Kernkompetenz: DURCHSETZUNGSKRAFT.
Sein Geschäft: MANAGERBERATUNG.
Sein Ziel: GEWINNMAXIMIERUNG.
 
Das ist der Typ Mensch bei dem du weißt das jedes Widerwort zwecklos sein kann, wo du jede Silbe auf die Goldwaage legen solltest, der dich ohne mit der Wimper zu zucken aus seinem Betrieb werfen würde wenn du ihm im Weg stehst oder keine schnelle Rendite bringst. Dem des dabei egal ist ob deine Frau gerade das dritte Kind bekommen hat, ihr ein Haus gekauft habt und deine Großeltern momentan pflegebedürftig sind.
 
Er steht vorne und leitet ein Meeting ein.
 
"Wir wollen die angerissenen Themen des letzten Treffens demokratisch abstimmen. Uns ist Demokratie sehr wichtig. Wir wollen alle einbeziehen und mitbestimmen lassen (...)"
Einige glauben das noch nicht, sind skeptisch. Doch spätestens als er jedem das Wort gestattet sind sie "im Boot". Demokratie? Jeder darf seine Meinung äußern, sie wird allerdings nicht disktutiert.
Was ist passiert?
Ist das echte, authentische Demokratie oder einfach nur maskierte Autorität?
 
Ernsthaft. Ich frage mich bei solchen Auftritten die fast einem Schauspiel gleichen, wieso nicht einfach vorgestellt wird, was das Führungsteam ausgearbeitet hat.
Wieso nicht ganz einfach:
"Wir haben im Führungsteam dies und jenes ausgearbeitet. Im Vorfeld haben wir einzelne von euch konsultiert und entschlossen diese Änderung aus den und den Gründen umzusetzen. Könnt ihr das mittragen oder gibt es ernsthafte Einwände?"
Zack - in 3 Minuten erledigt, statt 30 Minuten hitzig zu diskutieren.
 
Meine These ist, das es verlockend wirkt modernen Trends zu folgen. "Basisdemokratie" und agile Diskussionsformate nachzuahmen.
Doch das hat seinen Preis: Gesichtsverlust, Verlust von Authentizität und das Eröffnen von destruktiven Gruppendynamiken.

Ich komme dann darauf:
 
"Ein einheitlicher Fehler den Manager beim Anwenden moderner Methoden wie Open Space, Lean Coffee, Scrum und anderer demokratischer Augenhöhe-Formate machen ist das ANWENDEN VON WISSEN ohne Übung und ohne persönliche Transformation."

Die Nachteile bei dieser Vorgehensweise zusammengefasst:
  • Konflikte werden eröffnet die nicht ausgetragen werden, sie bleiben mittelfristig bestehen. Dadurch besteht die Gefahr destruktiver Gruppendynamiken die sich zukünftig festfahren und die Gegnerparteien grundsätzlich gegeneinander agieren. Es geht nicht mehr um die Sache, sondern um die destruktive Emotionalität gegeneinander loszuwerden.
  • Unnötige Zeit und Energie gehen verloren, weil ein anderes Vorgehen effektiver und effizienter gewesen wäre.
  • Einwände können in der Kürze der Zeit, wenn überhaupt, nur oberflächlich integriert werden.
  • Die vorgefertigte Lösung ist sicher nicht die Bestmögliche. Ganz im Gegenteil: häufig werden intelligente Konzept und Lösungsansätze durch die Demokratie verwaschen und systemische, ökologische und ökonomische Randbedingungen außer Acht gelassen.
  • Es bleibt ein beklemmendes Gefühl der Manipulation und des "nicht wirklich gehört werdens".
 

Alternative Optionen:

  1. Ehrlich transparent machen das es sich um einen bereits erstellen Lösungsentwurf handelt
  2. Demokratische Diskussion erst gar nicht einleiten, wenn nicht erforderlich oder gar schädlich
  3. Offene Diskussionsformate wie Lean Coffee und Open Space zur Vorbereitung der Lösungsentwürfe einsetzen
  4. Konsensdemokratische Abstimmungsverfahren nutzen - Veto einbeziehen und Prozessen mehr Zeit geben
  5. Konsultativer Einzelentscheid nutzen
  6. Vor dem Anwenden solcher Formate: im sicheren Umfeld praktisch üben, coachen lassen und Trainingsangebote in Anspruch nehmen

Mehr über die Formate im eBook oder Buch lesen:

"Agil moderieren" oder Wie gelingt interaktive Moderation?" erfahren.

 

Mit praktischer Schritt für Schritt Anleitung.